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Carlo, San Borondón

Der Fischberg


              

Der Fischberg, zweiter Tag

Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit anderen Berichten oder Erzählungen ist rein zufällig. Gleiches gilt für die verwendeten Namen, Bezeichnungen, Techniken und geografischen Orte

Francisco gesellte sich wieder zu uns, und auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Chicharrones und Gofio. Hortensia hatte sich nochmals engagiert, und es kam mir etwas peinlich vor, weil ich überhaupt kein Geschenk mitbrachte und den Reden von Julio vertraute, dass es nicht nötig sei, noch in die Stadt zu fahren. "Nimm hier, ganz frisch gebraten!" Francisco schob mir die Schüssel zu und ich langte hinein. "Da siehst Du es, ich habe es Dir gesagt, er weiß mehr als mancher andere hier auf der Insel über die Geheimnisse der Tiefe und nicht nur das, er ist ein echter Augenzeuge!" - "Ja ja, ich merke das schon" nickte ich und bat um Nachsicht.
Denn vor einigen Tagen waren wir in den Bergen gewesen. Wir ruhten nach anstrengendem Aufstieg auf der Höhe und blickten nach Westen. "Da draußen muss San Borondón liegen!" Ich wollte der Erhabenheit unseres Blickfeldes Ausdruck verleihen und mir fiel nichts Anderes ein. "Nein, San Borondon liegt dort!" Francisco zeigte nach Südwesten "etwa da wo der große Schatten auf dem Wasser liegt!" Ich lachte. "Nein, dort liegt San Borondón, ich weiß das ganz genau", und wies in die andere Richtung! Eine Gruppe Wanderer kam vorbei. Wir schwiegen eine Weile bis Julio zum Aufbruch rief. Francisco reckte sich hoch und meinte trocken und bestimmt: "Mein Vater war dort, er muss ja schließlich wissen, wo er war, gehen wir!" - Und nun saßen wir hier seit Stunden und lauschten unglaublichen Erzählungen, mit denen Antonio uns auf die Folter spannte.

Antonio drehte wieder sein Glas und uns war das ein Zeichen, dass er jetzt weiter erzählen wollte, um die Geschichte zu Ende zu bringen, wie er die Unterbrechung mehrfach murmelnd missbilligte. "In den folgenden Wochen war ich einige Male mit Gregorio draußen gewesen", setzte er unvermittelt seine Erzählung fort. "Ich konnte ihm bereits gut helfen und bekam etwas Geld. Gregorio hatte ungute Gefühle und vermied es, das Gespräch auf die Nacht da draußen zu bringen". Antonio wandte seinen Kopf zur Weite des Ozeans, die untergehende Sonne erhellte sein Gesicht. "Gregorio verschwieg mir einiges, glaube ich, heute sagen zu dürfen, er wusste schon damals mehr, vielleicht war das auch ein Grund, dass er später die Fischerei an den Nagel gehängt hat und von hier weggegangen ist. - Nun wie dem auch sei, wir hatten wieder Kurs auf den Berg der Fische genommen. Den Namen hatte ich der Untiefe gegeben. Gregorio hatte nichts gesagt, er gab mir einfach das Ruder und ging schlafen. Als wir gegen Mitternacht ankamen, warf er wieder das Lot über Bord, und dieses Mal zog auch er unwillkürlich mehrmals an der Leine. Bei dreißig Metern erreichten wir den Grund. Gregorio schien unruhig und wir setzten einige hundert Meter zurück. Bei 45 Metern hatten wir wieder Grundberührung. Die See war ruhig, sternenklarer Himmel, es war Vollmond, doch die Ruhe schien ein Unheil anzukündigen, ich kann es nicht beschreiben. Ich starrte auf den Horizont, und da waren sie wieder - Boote. Gregorio hatte sie auch gesehen. Seine Worte schienen in der Luft hängen zu bleiben, so langsam vernahm ich eines nach dem anderen: "Das sind keine Boote, das sind Felsen!" Schlagartig drehte ich mich um, und dort waren sie auch, tauchten auf und tauchten ab. Aus der Tiefe kam ein dunkles Grollen wie von einem fernen Gewitter nur dumpf und drohend, nicht von dieser Welt. Wir hatten kaum wahrgenommen, wie plötzlich ein starker Strom das Boot erfasste und tanzend mit uns davonlief, alles begann zu rauschen, und dann öffnete sich das Meer vor uns mit einem Bersten und Krachen, ein riesiger Felsen wuchs hoch und zerbarst. Die Brocken stürzten herab und jagten meterhohe Wellen auf uns zu. "Festhalten," schrie Gregorio, dann überrollten uns die Wellen! Das Boot kam hoch und warf uns hin und her. Gregorio hatte sich aufgerafft und das Ruder ergriffen, der Motor dröhnte und Gregorio versuchte in dem Strom zu wenden. Es gelang ihm, und wir steuerten direkt auf eine Felswand zu, die sich vor uns zerteilte und mit einem Schwell stürzten wir in die Kluft und krachten auf den Felsen. Um uns jagten die Wellen die Wände hinauf und sackten ab in die Tiefe. Ein entsetzlicher Gestank lag über allem, er fraß sich in die Lunge und wir husteten beide und japsten nach Luft. Das Boot lag fest, ab und zu ging ein Ruck durch den Rumpf und wir hörten das Brausen des Meeres unter uns. Wir krallten uns im Bootshaus fest als könnten wir den wohl unvermeidlichen Sturz in die Tiefe aufhalten. Ich kann nicht sagen wie lange wir so lagen, wahrscheinlich waren wir auch eine Weile nicht ganz bei Sinnen, aber als ich einmal die Augen öffnete, war es hell. Ich sah Gregorio völlig verbogen unter dem Steuerstand. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, die Angst lähmte alles und mein Bewusstsein schwand wieder dahin. Dann hörte ich ein Dröhnen und Stimmen brüllten durch meinen Kopf. Ich versuchte die Augen zu öffnen und langsam kam das Licht wieder zu mir und ich sah Gregorio. Er fiel zurück und stöhnte auf: "Ich dachte schon, ich bekomme dich nicht mehr wach!" Wir starrten einander an und husteten. Die Luft war wohl besser, es stank nicht mehr so wie in der Nacht zuvor, aber an allem haftete ein widerlicher, fauler Geruch.

Gregorio rutschte ganz langsam hinab zur der offen stehenden Tür des Steuerhauses. Das Boot lag etwas auf der Seite und ich konnte durch das Fenster einen gezackten Felsen erkennen. "Bleib so liegen!" Gregorio hatte die Türöffnung erreicht und streckte vorsichtig sein Bein hinaus. "Bleib ja erstmal so liegen, ich habe keine Ahnung ob der Kahn stabil liegt oder gleich mit uns abstürzt!" Ein leichter Windzug frischte die Luft im Steuerhaus auf, ich lag wie gefesselt und sah zu, wie Gregorio aus der Türöffnung glitt bis nur noch seine Hände die Schwelle umfassten. Erst löste er die eine Hand, dann waren beide Hände verschwunden. Ich atmete tief durch, eine fahle Sonne kam für einen Augenblick hoch und flutete den Raum, ich bekam einen unbändigen Durst: "Gregorio, was ist da draußen los?!" - "Komm raus, soweit ich das hier erkennen kann, haben wir einen idealen Liegeplatz" er brachte ein zittriges Lachen hervor. Mein eines Bein schmerzte, aber sonst war ich offenbar heil über die Runde gekommen. Ich ließ mich zur Tür hinaus gleiten und rutschte dann über Deck zum Seegeländer. Meine Füße fanden in dem glitschigen Schlamm schwer Halt, und als ich mich schließlich hoch hangelte, griff eine Hand in meinen Kragen und zog mich auf die Beine. Ich atmete schwer und lehnte mich an Gregorio, dem es aber auch nicht besser ging. "Hast Du irgendwo das Wasserfass gesehen" brachte ich stoßweise hervor, eigentlich, ohne eine Antwort zu erwarten. Allmählich gewahrten wir unsere nächste Umgebung. Das Boot lag zwischen Felswänden auf einem riesigen Brocken, leicht nach Steuerbord an die eine Felswand gekippt. Über uns ragte der Felsen wohl 10 Meter hoch, unter uns schien Wasser zu sein, denn wir hörten das Gurgeln eines Schwells zwischen den Steinen. Allmählich drang die Sonne durch den Dunst, und wir ahnten um uns eine steinerne Höllenlandschaft. "Hast Du was von Wasser gesagt?" Gregorio löste den Griff von meinem Kragen und hangelte sich zu einer Backskiste hinter dem Steuerhaus. "Hier ist Wasser, komm her!" Wir tranken beide abwechselnd aus der Korbflasche. Das Wasser war aus einer anderen Welt. Es erinnerte uns an uns selbst, es brachte uns erst auf den Gedanken, in welch unfassbarer Situation wir uns befanden. Und dann brach dieses Bewusstsein durch. Gregorio nahm mir die Flasche aus der Hand: "Wir müssen sparen, wer weiß was noch alles kommt!" Er kroch wieder in das Steuerhaus: "Es ist halb zehn!" Ich hörte ihn kramen, ein Schlüssel polterte aus der Türöffnung. "Wieso steht die Maschine!?" - "Du hast sie gestoppt!" - "Quatsch!" - Die Luke zum Maschinenraum fiel gegen die Rückwand des Steuerhauses, und ich fühlte was Gregorios Hände berührten. "Das sieht hier alles gut aus, die Batterien haben Strom!"

Die Sonne brach durch, wallende Nebel bewegten sich wie eine Dünung über eine urweltliche Felsenlandschaft, die ein Gigant über das Wasser verstreut hatte. Vom Vorschiff aus konnten wir auf ein Feld zerborstener Felsen blicken, aber wir wagten nicht, das Schiff zu verlassen, alles schien sich in zu bewegen, ganz langsam, kaum dem Auge wahrnehmbar stiegen die Felsen auf und sanken ab. Das Felsenfeld war in ständiger Bewegung, es schwamm. Ich packte Gregorios Arm: "Sieh mal dahinten, da ist Land, da liegt ein Berg!" Wir versuchten, die immer wieder aufwallenden Nebel zu durchdringen, dann war das Land ganz deutlich zu sehen. "Das ist El Hierro, dann muss La Palma etwa dort zu sehen sein." Gregorio kletterte auf die Seereling und versuchte über die Felswand an Backbord die Berge la Palmas zu sehen. Eine Nebelwand zog hoch und wir husteten wieder. Es war ein ätzender schwerer Nebel, und als er sich endlich verzog, waren wir fast wieder so krank wie am Morgen. Dann sahen wir La Palma! "Die werden uns vermissen!" Gregorio atmete tief, die Nebelwand war über uns hinweg gezogen. "Sie werden uns suchen, werden sie wohl...!?" - "Wo sollen sie uns denn suchen, etwa hier, die wissen doch nicht wo wir sind!" - "Na, hör mal, das sehen sie doch, die sehen doch, was hier los ist. Wir müssen einfach aufpassen und wenn wir Boote sehen, dann geben wir ein Signal - Rauch zum Beispiel! - "Noch mehr Rauch?"

Wir saßen an Deck und husteten. Wenn sich die Schwaden für kurze Zeit verzogen, versuchten wir so viel wie möglich zu atmen und verfielen dann wieder in Hustenanfälle. Das Wasser ging zur Neige. Wir hatten wahnsinnige Kopfschmerzen und krochen in uns zusammen. Mit dem Abend überfiel uns eine hoffnungslose Ungewissheit. Der rote Schein über dem Trümmerfeld war wie erlöschendes Leben.


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Irgendwo da draußen, in Südwest




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