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Carlo, San Borondón

Der Fischberg I


              

Der Fischberg, erster Tag

Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit anderen Berichten oder Erzählungen ist rein zufällig. Gleiches gilt für die verwendeten Namen, Bezeichnungen, Techniken und geografischen Orte

"Gern rede ich nicht über die Ereignisse von damals." Antonio lehnte sich zurück. Sein Blick verband sich mit der Weite im Süden und nahm den Raum bis weit über El Hierro in sich auf. Mag sein, dass er Bilder sah, schnell wechselten Licht und Schatten und glitten mit seinen Sinnen in die Vergangenheit. Er war sichtlich alt geworden. Die Mühsal des palmerischen Landlebens hatte sein schmales Gesicht mit Furchen geprägt. Seine rechte Hand schob das Weinglas in kleinen Kreisen über den seit Generationen abgeschliffenen Tisch. Die kreisenden Bewegungen seiner Hand begleiteten seine Gedankenbilder und brachten sie nach außen. Langsam schob er seine linke Hand über die Tischkante, langsam dem kreisenden Glas entgegen, und dann erfasste er es mit beiden Händen und hielt inne. Wir merkten es, er war angekommen.

"Gregorio, er war ja Dein Onkel", er hielt inne, als ob er sich noch einmal vergewissern wollte, dass ich tatsächlich derjenige war, den Julio nach endlosen Vorgesprächen über mich und meine Neugier mitgebracht hatte. Auch Francisco hatte seinem Vater erklärt, dass ich ganz normal sei, einer von uns, wie er meinte, und trotzdem hatte Antonio mich misstrauisch gemustert und den Erklärungen gelauscht. Nein, Fragen werden nicht gestellt, vielleicht die eine oder andere nach dem Namen meines Großvaters oder der Anzahl Kinder von Gregorio und Almodena. Aber sonst - auch der Wein wird nicht gefragt, ob und wie er reifen will. Alles zu seiner Zeit.

Seit einigen Jahren bewirtschaftete Francisco die Bodega seines Vaters. Julio und ich hatten die Weine durchprobiert und waren an einem "Rojo" hängen geblieben, die anderen waren uns zu trocken und der Malvasier zu schwer. Hortensia hatte uns mit Käse und Avocados versorgt, nicht zu vergessen sind ihre Tortillas aus Maismehl, schließlich hatte sie jahrelang in Mexiko bei einem Bäcker geschuftet bis Antonio sie als Beute mitnahm, wie er mehrmals zu sagen pflegte. Dann kicherte sie verschämt und zog ihm die schlaffe Wange noch weiter nach unten. Aber die beiden waren einander wohl auch bis zum heutigen Tag in Liebe verbunden geblieben, ja, sie lebten ihr Leben!

Antonio räusperte sich. "Gregorio hat die Stelle entdeckt! Nie hat jemand davon berichtet, weder hier oder auf El Hierro, und alles, was ich weiß, kommt von ihm, und natürlich habe ich meine eigene Erfahrung damals gemacht." Er drehte das Weinglas um 90 Grad, nicht zufällig! Ich hatte schon längst entdeckt, dass dieses Glas ein Geheimnis barg und war nicht überrascht, als er sich einen Augenblick lang hinab beugte, um über den Rand etwas in der Weite anzupeilen. Dann drehte er das Glas ein wenig weiter. "Setz dich da auf die Bank", meinte er und legte seinen rechten, etwas gekrümmten Arm auf den Tisch, sein ausgestreckter Zeigefinger wies den Platz an. " Und nun blicke durch das Glas!"
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Ich erkannte die verblichenen Einteilungen einer Kompassrose und sah über das Glas hinweg auf das Meer, irgendwohin etwas außerhalb von El Hierro. Den Augenblick musste ich so lange wie möglich einfangen, wohl wissend, dass er sich nicht wiederholen werde. Ich blickte bis sich alles in Unschärfe verlor. " Dort liegt San Borondon", vernahm ich seine nachdrückliche Stimme!

Julio ließ es sich nicht nehmen, mich aus der Flut sprudelnder Gedanken wieder an die Oberfläche zu holen, zumal er nun auch einen Blick über die Kante des Glases in die andere Welt werfen wollte, aber bald abließ, weil er nichts sah, als ein verschwommenes Bild vor graublauer Weite. Wir setzten uns wieder.
"Dieses Glas hier, was hat es damit für eine Bewandtnis", meinte ich, das Gespräch endlich in Gang bringen zu müssen und ärgerte mich sofort über meine geschraubte Ausdrucksweise, die Antonio sehr wohl bemerkte. Er zog sein Glas wieder an sich und vermittelte mir den Eindruck, schweigend warten zu müssen. Die abendliche, vielstimmige Gelassenheit legte sich über Las Manchas, und Francisco schenkte nach.

"Dieses Glas gehörte einmal Gregorio. Er hat es wiederum von einem Mann aus England bekommen, der über viele Jahre hier wohnte und mit Gregorio Fischen ging. Er hatte auch das Boot einfach Gregorio überlassen, als er fortging. Es war ein gutes Boot mit einem starken Motor."

"Hat Gregorio Dir das Glas geschenkt?" Schon wieder ertappte ich mich mit einer unreifen Frage und schämte mich, aber dieses Mal sagte ich sofort zu Antonio, was ich fühlte, und er murmelte etwas vor sich hin, was ich nicht ganz begreifen konnte. Aber Julio half wieder mal aus und erklärte mir, dass ich ja so lange im Ausland gewesen sei und nicht mehr so genau wissen könne, wie man sich benimmt. Antonio nickte mehrfach. Ich war aufgenommen!

"In Eurem Alter solltet ihr nicht mehr so viel Wein trinken!" Antonio nahm den Faden wieder auf, und ich fühlte, wie ein großes Erlebnis aus seiner Jugend zu Erinnerung heranwuchs. "Wir hatten uns wieder und wieder gewundert, wie es Gregorio gelingen konnte, derart viel Fisch zu fangen, dass er sein Boot immer randvoll hatte, wenn er nach einer Nacht da draußen anlandete. Was uns wiederholt zum Grübeln brachte, waren nicht so sehr die Mengen, sondern er fing Fische, die wir hier nicht kannten oder nur sehr selten auf den Haken bekamen. Aber schmackhaft waren sie, und der Fischmann aus La Palma kaufte wohl ziemlich alles auf. Eines Tages als er mal wieder in Las Manchas Fisch verteilte, fragte ich ihn, wo er fischt. Gregorio war ein feiner Kerl, den konnte ich fragen, und er lachte dann auch und schlug mir auf die Schulter: "Komm doch einfach mal mit, Antonio, du bist alt genug und solltest etwas Brauchbares lernen!" Er trank seinen Wein aus und musterte mich. "Ja, komm mit mir auf die ewigen Fischgründe", scherzte er, aber dann wurde er ernst und ich höre die Worte noch heute: "Du musst ein Geheimnis für dich behalten, das kannst Du doch, oder?" - "Ja ja, sicher doch, wenn Du meinst!"

Es war ein großes Gefühl, Gregorio helfen zu dürfen. Er besaß viele Grundangeln, lange Schnüre mit Haken, die ich den ganzen lieben langen Tag lang beködern musste. Ich schnitt Makrelen in Stücke und setzte sie auf die Haken, und die Schnüre legte ich auf besondere Art in alte abgesägte Weinfässer. Von Zeit zu Zeit blickte jemand von den anderen Fischern vorbei und schüttelte den Kopf. Wir hatten auch Netze, die ich reparieren musste. Wir fischten Sardinen und andere Schwarmfische.

Als ich zum ersten Mal mit Gregorio auslief, war es fast schon dunkel. "Jetzt wirst Du eingeweiht", übertönte er das Wummern des großen Zweizylinders. "Wir gehen jetzt erst auf Kurs Südost, später löschen wir die Lampen und gehen auf Kurs Südwest. Versuch jetzt zu schlafen, die Nacht wird lang!" An Schlaf konnte ich überhaupt nicht denken, die Aufregung saß mir im Hals und das Schiff vibrierte und stampfte. Ich lag in den Netzen und sah den tanzenden Sternen zu. Plötzlich änderte sich alles, der Himmel drehte sich und das Boot lief ruhiger, der flackernde Schein der Positionslampen war verschwunden. "Sind wir jetzt auf Südwest" rief ich dem großen Schatten zu, der wohl Gregorio sein musste. "Ja, komm her, du kannst mal steuern, musst du auch noch lernen!" Gregorio erklärte mir den Kompass, das Log und die Uhr. "Wir laufen jetzt mit acht Knoten immer auf diesem Kurs, und in drei Stunden weckst du mich!" Er schlief gleich ein, und ich war allein mit der ganz großen Welt.
- "Welcher Kurs war das denn..." meinte ich, fragen zu dürfen, aber Antonio winkte ärgerlich ab, das gehöre doch nun wirklich nicht zur Sache und außerdem habe er das vergessen, weil es ganz unwichtig war, und später sei er genau so wie Gregorio nach Gefühl gefahren, ja, bis zu dem Tag, an dem sich alles ändern sollte. "Julio meint, dass Du noch vor dem Ausbruch des San Juan mit Gregorio fischen warst", versuchte ich vorsichtig, mich an genauere Angaben heranzutasten. - "Das war in den Jahren 1945 und 1946, aber ich habe später auch noch mit Gregorio gefischt - aber warum willst du das so genau wissen, es weiß doch sowieso keiner etwas ganz genau!" Antonio lehnte sich zurück an die Wand. Er schmunzelte. Zum ersten Mal sah ich ihn gelöst.

"In dieser ersten Nacht wuchs ich vor Stolz über mich hinaus und gegen Mitternacht weckte ich Gregorio. Er kam auch gleich auf die Beine und sah zum Himmel. Er hatte die Fahrt aus dem Boot genommen und ließ ein Lot auslaufen, Faden um Faden verschwand in der Tiefe, dann erschlaffte die Leine. Im schwachen Schein der Lampe las Gregorio die letzte Markierung ab. "Das sind 120 Meter, wir sind da! Hier, hol das Lot ein!" Er drückte mir die Leine in die Hand, "aber ordentlich in die Kiste!" Ich probierte noch einmal, das Lot auslaufen zu lassen, aber die Leine war schlaff. 120 Meter, hier draußen, das ist doch unmöglich, ich konnte es nicht fassen. "Los, hol die Leine ein!" Gregorio wurde ungehalten. "Wir haben keine Zeit, an die Arbeit!"

Gregorio warf den ersten Anker, die Trosse spulte ab und dann zog die erste Angelleine nach bis der zweite Anker fiel und die Boje über Bord ging. Und schon lief die zweite Angelleine aus dem Fass. Gregorio änderte nach jeder gesetzten Angel den Kurs um etwa 10 Grad, so dass die Leinen zum Schluss einen Halbkreis bildeten. Alles passierte im fahlen Licht der Steuerhauslaterne mehr mit dem Gefühl in den Händen als mit den Augen. Gegen ein Uhr waren alle Angeln gesetzt.

"Wir gehen jetzt auf 270 Grad, das kannst Du machen, los, mach schon! Du läufst mit halber Kraft fünf Minuten, sieh auf die Uhr, dann loten wir wieder!" Ich kroch in den Steuerstand und die Worte Gregorios bewegten meine Hände. Er hantierte mit den Netzen auf dem Achterdeck. "Halt an", rief er unerwartet! - "Aber es sind noch keine fünf Minuten vergangen." - "Egal, halt an, volle Kraft zurück! - Halt" - Ich merkte, wie er wieder die Lotleine über Bord warf. "Neunzig Meter, komm her, hol ein!" Noch heute habe ich die Maschine im Ohr, sie lief im Leerlauf und das im Takt mit meinem Herzschlag. Ich hatte Angst! Irgendetwas Riesiges kroch da unten herum und kam langsam nach oben, ein Monster, vielleicht stimmten die Geschichten doch, die sich die Leute über das Meer hier erzählten, von Booten, die einfach verschwanden...

Während ich mit langsamer Fahrt einen leichten Bogen abfuhr, ließ Gregorio das Netz für große Schwarmfische auslaufen. Es hängt mehrere 100 Meter lang an Schwimmern. Er hatte diese Konstruktion von dem Engländer übernommen und war offensichtlich sehr erfolgreich damit. "So, jetzt leg das Ruder auf 10 Grad nach Steuerbord und fahr langsam weiter", hörte ich ihn von achtern rufen, wo er eine Winsch betätigte, die eine Trosse am unteren Ende der Netze langsam durchgleiten ließ und damit das Netz immer mehr zusammenzog. Nach einer guten Viertelstunde hatten wir das ganze Netz ein Mal umrundet und Gregorio zog jetzt eine obere Trosse unter den Schwimmern durch. Das Springen und Platschen der Fische nahm zu - Makrelen! Eine Stunde lang schöpften wir die Makrelen ab und in den Bauch des Bootes. Ich weiß noch so gut wie ich alles vergaß und schöpfte, ich glaube, wir hatten an die fünfhundert Kilo!

Antonio machte eine Pause als ob ihn die Erzählung erschöpft hätte. Seine beiden Hände schlossen sich wieder um das Glas und er sah mich plötzlich direkt an: "Fünfhundert Kilo, kannst Du Dir überhaupt vorstellen, welche Menge das ist!?" - "Aber ja doch, im August fangen wir auch Makrelen mit Schleppleinen, da müssen wir einfach irgendwann aufhören, wenn es zu viele sind. Aber fünfhundert Kilo - das ist schon was!" Er blickte wieder in die Weite und drehte sein Glas. Wir warteten, Francisco schenkte nach.

"Ich kann mich nicht erinnern, wie Gregorio in der stockdunklen Nacht die Bojen der Grundangeln fand, und ich kann nicht vergessen, wie er auch hier die Trossen über die Winsch zog und ich fast zwei Stunden lang im Schein einer schwachen Lampe die großen Fische von den Haken nehmen musste, sogar viele große Muränen waren zu meiner Verwunderung dabei, aber vielleicht waren es andere Fische, die nur so aussahen. Es war wichtig, die Fische abzunehmen, weil die Haken sehr gefährlich waren. Es ist kaum zu glauben, wie Gregorio das allein immer geschafft hat. In dieser meiner ersten Nacht hatten wir das Boot voll geladen. Zur frühen Morgenstunde, ich spritzte gerade alles ab, erstarb der Motor und das Licht ging aus. Nur das Schwappen der Dünung unter dem Heck und das Schlagen einiger Blöcke und Tampen störte die rauschende Stille. Ich stand mit dem Schlauch in der Hand und sah Gregorio in gespannter Haltung aus dem Steuerhaus kommen. "Da sind verdammt noch mal Boote!" Seine Stimme klang rauh. "Was wollen die hier?! - Sieh mal da drüben die Schatten auf den Wellen, das sind doch Boote, sieh doch mal - was siehst du denn!?" Ich folgte den schemenhaften Bewegungen seines Armes - und dann sah ich sie auch - schwarze Schatten, die auftauchten und verschwanden. - Boote, sicher das waren Boote: "Gregorio, ich glaube das auch, das sind Boote - einige!" - "Nichts wie weg von hier," er hatte den Motor wieder angeworfen, er war noch heiß und kam schnell auf Touren, das schwere Schiff brach sich den Weg durch die Wellen nach Nordost.


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Wer viel schaut, sieht wenig, wer viel sieht, der schaut wenig - La Palma, von San Borondón aus gesehen




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