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Carlo         


DEM


              


IV. Teil, Nantucket Island - Ein Wal fühlt rot

Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit anderen Berichten oder Erzählungen ist rein zufällig. Gleiches gilt für die verwendeten Namen, Bezeichnungen, Techniken und geografischen Orte. - Texte und Bilder unterliegen dem Copyright


Die Tür viel mit einem dumpfen Knall zu, bei diesem heftigen Nordost und um diese Jahreszeit mit beginnendem Schneetreiben ist das so! Was in aller Welt wollte ich hier? Ich lief um den Wagen, als wenn ich dadurch wieder den Zugang in sein Inneres finden würde, und dann stand ich wieder vor der Tür, auf der sich die ersten Schneeflocken verklebten und mit der Restwärme zu Tröpfchen verendeten, um bald ihr neues fließendes Dasein zu beginnen. Und die Geschwindigkeit dieser bewussten Metamorphose des Wassers durchdrang mich: Ich war der Beobachter, ich war das Wesen dieses Geschehens. "Ach nein", rief ich hinaus in den Wind und schlug mit der flachen Hand auf das Wagendach, "ich muss raus, raus raus", und es begann mich zu treiben, fort von der Strasse in die Weite der Dünenlandschaft, fort von Last und Lust!

Es war eine Flucht und ich wusste um die Vergeblichkeit, aber es gab nicht einen leisen Zweifel am Zweck, eine vorübergehende Freiheit zu erlangen. In den frühen Morgenstunden war ich der Qual der letzten Nacht entronnen. Monatelang hatte ich ihn begleitet, erst euphorisch, schließlich verzweifelnd. Mit lächerlichen Forderungen wie etwa "ich kann kein rot fühlen" und daraus abgeleiteten Gemeinheiten und inkonsistenten Tricks hatte er mich seelisch immer mehr gefesselt. Ich war dieser Megapsyche einfach nicht mehr gewachsen und verstieg mich in den Wutanfall, ihm zu sagen, das ich abschalten werde. Schon der Gedanke war ein Verbrechen! Aber er hatte mich dahin geführt, ich bin sicher, er hat das geplant, und seine ausgeklügelte Verachtung für mein Verhalten, ja, für mich, überflutete alles, alles, den Raum, die Verbindungen und mich, ja, mich! Unfassbar, aber dieses Kunstwesen oder was auch immer er war hatte es fertig gebracht, in meine Seele zu greifen.

Fast wie fremdbestimmt hatte ich den Kommunikationsraum verlassen, ich nahm nicht wahr, wie ich durch die Gänge des Instituts eilte, mein Wagen trug mich davon, und das Gefangensein in der antrainierten Psyche eines Kommunikators wich erst als ich mich an Bord der Fähre nach Nantucket Island befand. Und jetzt war ich am Ende der Hummock Pond Road ausgestiegen und rannte den Radweg entlang, und rannte gegen das Schneegestöber und gegen Wind und Kälte zur Cisco Beach. Brandung wollte ich sehen, dem Meer nahe sein, vielleicht in der Kraft der tosenden Weite Trost und Ruhe finden, mich selbst wieder definieren im Umfeld virtueller Intelligenz. Was war das doch alles erbärmlich gegen meine eigene Welt, aus der ich Leben und Denken entnahm, meine Ordnung, mein Zuhause, meine Geborgenheit. Würde ich jemals diesen Kunstwesen das vermitteln können, was ein Gefühl ist, ein Anteilnehmen an einem erhabenen Sein - an welchem Sein? Ich schnitt den Gedanken ab und ergab mich der wunderbaren Wirklichkeit des Lebens, ich hüpfte über die kleinen Sandwellen unter der feinen Weiße, ich war wie treibender Sand und huschender Schnee- und die Freiheit ergriff mein Gemüt.

Es war Hochwasser, und sein mächtiger Körper lag in der Brandung. Jede Welle schob ihn weiter auf den Strand. Wie aus einer erwachenden Erkenntnis meiner Ohnmacht gurgelte eine Art von Hilferuf in den Wind, meine Gedanken gruben sich mit den Blicken in das ungewollte Geschehen. "Mein Gott, er lebt noch" formten meine nassen Lippen - seine Fluke zerschlug den übermächtig anrollenden Wasserberg. Als wollte ich zugreifen, als wollte ich mich in die Brandung werfen und ziehen und zerren, so griffen meine Hände nach vorn, und ich eilte und verharrte und lief den Strand hinab. Sein Schrei verwandelte mein Inneres in einen Schmerz hoffnungsloser Hilfsbereitschaft. Ein tiefes Stöhnen pulsierte durch den riesigen Leib, und die Fluke erhob sich aus der Brandung und fiel kraftlos zurück. "Anrufen, ich muss jemanden anrufen, ja, die Küstenwache", und die Sinnlosigkeit war mir gleichzeitig bewusst. Auf dem Rücken des schwarzen Giganten gewahrte ich eine leicht vibrierende Öffnung, er atmete noch, aber wie wohl. Kein brausender Luftstrom, nur noch ein Zittern. Er hatte sich mit dem Schädel zum Wasser hin gekrümmt. Die auslaufende Brandung umspülte den Unterkiefer. Welle um Welle kam, und das Wasser zog sich zurück. Ich folgte dem weichenden Saum und stand wieder da und blickte in sein Auge. Unverwandt. Eine unerklärliche Weite, ja, Tiefe tat sich in meinem Empfinden auf, und ich weiß nicht was mich bewegte, als ich zum Ocom griff und DEM anrief. Ich lies die Kamera dieses ganze Bild einfangen und dann hielt ich sie fest auf das Auge gerichtet, aus dem das Leben nur langsam weichen wollte. Ich merkte keine Kälte, ich spürte keinen Wind, ich begab mich in eine Beziehung außerhalb meines Einflusses. Viel später gewahrte ich es, das Leben war entwichen.

DEMs Stimme riss mich aus der Verwunderung. "Komm zurück, es ist gut so, wir haben uns nichts vorzuwerfen, Du weißt, ich bin ein Teil Deines Lebens und Du des meinen." - Hast Du es gesehen, hast Du die ganze Zeit gesehen, was hier geschah?!" - "Ich sehe es immer noch, es ist eine große Erfahrung. Ich werde die Küstenwache anrufen, und sagen, dass Du da draußen auf der Cisco Beach neben einem großen Wal stehst, und ich werde auch sagen, dass Du frierst." - " Dann tu das." - " Ich bin schon dabei, sie werden Dich abholen. Ach ja, was ich Dir sagen wollte - ich kann jetzt rot fühlen!"

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Photos von Bernhard van Riel



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